Kölner Dom

Ein Rundgang durch den Kölner Dom am 11.12.2025. Die Aufnahme ist ca. 8 Minuten lang, das Kircheninnere wird ca. ab 0:40 betreten.

Aufnahme mit einem Sony PCM-M10, nachbearbeitet mit WaveLab Pro 12

Auszug aus Roman-Manuskript „Kontextsensitiv“, Kapitel 4 – Köln:

Bahnhofsvorplatz, dort direkt oberhalb der Treppen zur Domplatte aufragend: der Dom (…), ein Monument, das sich nicht ignorieren lässt. Wahrzeichen, Sehenswürdigkeit, Postkartenmotiv, Tourismusattraktion usw. (…). Ein architektonisch und semantisch überladener Knotenpunkt, der bei einer intensiveren Beschäftigung überfordern könnte, aber als touristischer Hotspot gezähmt worden ist. Ein beeindruckendes fotogenes Monument, das, wie viele andere bedeutende Monumente an anderen Orten, und alles andere, abgehakt, konsumiert wird. Die Tragikomik eines mächtigen Bauwerks, das sich selbst überholt hat. (…)

Der Dom und überhaupt die anderen Kölner Sehenswürdigkeiten sind aber nicht das eigentliche Ziel seines Ausflugs, er will ja in die Kölner Südstadt als eine Art Forscher auf einer ‚Spectral Geography‘-Exkursion. Dennoch beschließt er spontan, das Ritual durchzuführen (…). Er wird den Dom betreten, nicht um zu beten, nicht um seine kunsthistorischen Schätze zu bewundern, sondern um zu hören. Vielleicht überrascht ihn dabei das eine oder andere Detail. Der Dom als Klangraum, als Ort eines Soundscape – vor dem Hauptportal in der Menge der Touristen schaltet er seinen Field-Recorder auf ‚Rec‘ (…). Er betritt das Innere des Doms, es wird deutlich stiller und disziplinierter. Er beginnt einen Rundgang. 

Der erste Höreindruck öffnet einen riesigen Klangraum, getragen von einem langen, breiten, diffusen Hall. Die Geräusche und -stimmen scheinen sich von ihrer Quelle zu lösen, aufzusteigen, sich hochzuwölben. Doch das täuscht:  Etwas oberhalb der Arkaden, im Bereich des Triforiums, scheint eine unsichtbare Grenze zu verlaufen – eine Tropopause am oberen Ende der Säulen. Dort werfen die Geräusche von unten kein Echo mehr zurück, sie werden absorbiert. Darüber liegt der mächtige, sakrale Klangraum der Orgel, nahe bei dem einen Gott, der oben bleibt – zu ihm dringen unsere Geräusche nicht durch. Schritte, Gesprächsfetzen in verschiedenen Sprachen, (…), in den Opferstock fallen gelassene Geldmünzen, (…) Quietschen von Schuhsohlen, Stoffrascheln, ein vereinzeltes Husten. (…) Das generierte Soundscape ist nicht rituell. Es ist die Antwort des Kirchenraumes auf seine Besucher: ehrfürchtig, aber nicht explizit religiös, gleichwohl monumental, steinern, kühl verteilt, zerfasert, etwas in die Höhe gestreckt – um dann, nach einem lichten Nachhall vom Raum verschluckt zu werden. Der sakrale Raum ist mächtiger als das touristische Getümmel in ihm. Das bewirkt Ehrfurcht und Distanz. Die Transzendenz sitzt oben, unerreichbar für unsere Stimmen und Schritte. Die Menschen bleiben unten, sie werden nicht emporgetragen; die Architektur der Kathedrale strebt nach oben und verspricht eine Epiphanie, ohne sich herabzulassen, dieses Versprechen einzulösen. (…) Wir bleiben kleine Besucher, Beobachter, Bittende, Betende – uns bleibt nur die Hoffnung.

Er kommt zu dem Richter-Fenster im Südquerhaus. (…) Eine algorithmische Verteilung farbiger Quadrate in einer mittelalterlichen Architektur, – die religiöse Tradition scheint hier radikal unterbrochen: ein mystischer Ort, beleuchtet durch eine statistische Komposition. Das Fenster bietet kein erzählerisches Motiv, keine Heiligen, keinerlei biblische Szenen. Es ist ein zufällig generiertes Raster aus 72 Farben, dem nachträglich, der Harmonie willen, etwas Ordnung eingeschrieben wurde – ein Pixelbild im gotischen Rahmen, ein Hyperraum im sakralen Gehäuse. Zeichen, die auf nichts mehr verweisen als auf sich selbst. Daten, Zufall, Pixel, Farben: Das Fenster erinnert ihn an den stark vergrößerten Ausschnitt eines profanen Satellitenbildes. 

Für einen gläubigen Katholiken, hier im Dom, in der Nachbarschaft klassischer Kirchenfenster, mag das schmerzhaft säkular wirken. Das Fenster lässt sich aber vielleicht auch anders lesen: als Aufhebung der Trennung der himmlischen Welt (geometrisch, perfekt, ewig) und der irdischen Welt (veränderlich, unvollkommen, vergänglich). Diese Trennung hatte das Dogma der Inkarnation einst überwunden: Gott (das ewige mathematische Sein) wurde Mensch (in der irdischen veränderlichen Welt). Die moderne Wissenschaft, so ließe sich weiterdenken, hat dieses ihr ursprünglich zugrunde liegende Konzept im Lauf einer langen Geschichte der mathematisch-physikalischen Weltbeschreibung für sich bis zur Unkenntlichkeit transformiert, säkularisiert, – eine Form atheistischer Aneignung. Man braucht Gott nicht mehr, um die Welt zu erklären und in den Kosmos zu schauen. In diesem Sinne wäre das Richter-Fenster eine Art Bitte um Entschuldigung, eine Versöhnungsgeste – und zugleich eine Mahnung an eine nüchtern-rationalistische Wissenschaft: allumfassend analysierend, alles erklären wollend, sich alles und jeden aneignend. (…)

Er geht weiter in den Chorumgang in der Apsis des Doms, der den Hochaltar und den Dreikönigenschrein umschließt. Am Ende des nördlichen Bereichs des Chorumgangs führt eine Treppe in den der Öffentlichkeit zugänglichen Bereich der Krypta. Auf der Treppenabsatz-Ebene befindet sich ein klassisches christliches Labyrinthmotiv des Chartres-Typs – anders als in der Kathedrale von Chartres jedoch kein großes, begehbares Fußbodenlabyrinth, sondern eine kleinere, in den Boden eingelassene Darstellung an der Schwelle zwischen Unterwelt (Krypta) und Oberwelt (der emporragenden gotischen Kathedrale). Wer die Treppe hinaufsteigt, kann es knieend abschreiten, mit der Hand oder einem einzelnen Finger, Windung um Windung. Der Eingang zum Labyrinth ist folglich treppenabwärts orientiert. Er kennzeichnet damit den Übergang vom sündhaften Dunkel ins Licht: in den sichtbaren Sakralraum, in den lichterfüllte Hochchor und Chorumgang, in dem die Chorfenster den Schrein der Heiligen Drei Könige beleuchten. Es ist die Vision eines „Himmlischen Jerusalem“ – das Reich Gottes, die verheißene Heimat am Ende aller Tage, die hier schon vorweggenommen wird. (…)

Er beendet seinen Rundgang und tritt hinaus auf die Domplatte. Er hat den Dom wieder verlassen – nicht bekehrt, weder ergriffen noch spirituell aufgeladen, nicht emporgehoben in eine sakrale Transzendenz, sondern geerdet in einer lebensweltlichen Immanenz. Etwas ist verschoben. Als hätte der Dom seine Eindeutigkeit verloren – als Architektur der Ewigkeit, als Archiv des Katholizismus, als Symbol der Dauer – und wäre stattdessen zu einem schwellenförmigen Resonanzraum für sein Vorhaben geworden. Er fühlt sich bereit für seine Recherchearbeit. (…)

Wer oder was liegt eigentlich wirklich im Sarg der Heiligen Drei Könige? (…) Die Bibel nennt sie (…) nicht Könige, sondern „magoi“, d.h. Magier, Gelehrte oder Sterndeuter. (…) Ihre drei Gaben ließen sich auch anders lesen als nur als Zeichen der Königswürde, der Gottheit, des bevorstehenden Todes – nämlich als Hinweis auf ihre jeweilige Spezialisierung: Gold für den Ökonomen, Myrrhe, die Heilpflanze und Bewahrerin vor Verwesung, für den Mediziner und Botaniker, Weihrauch, dessen Rauch einst als Träger der Gebete zum Himmel galt, für den Sprachkundigen, den Dichter. Drei Gelehrte also, keine Herrscher. (…) Und niemals Märtyrer – dafür hätten sie um ihres Glaubens willen sterben müssen. Vielleicht nicht einmal Heilige im strengen Sinn, denn die Macht dieser drei weisen Wissenschaftler-Könige gründet nicht im Glauben an Gott, sondern im Wissen um die Welt. Sie wissen um die Macht der Wissenschaft, die auch zerstören kann. Ihre Epiphanie bewirkt deren Bescheidenheit, Mäßigung, eine Abkehr von der positivistischen Hybris. Ihre eventuelle Heiligkeit und Weisheit gründen sich nicht auf einem Glaubensbekenntnis, sondern auf einem Verantwortungsgefühl für die Mitwelt, für den Planeten. Sie sind die ersten Botschafter eines planetarischen Bewusstseins. Epiphanie: nicht die Erscheinung eines Gottes in einem Kind, sondern die Erscheinung der Erde selbst als das eigentliche Wunder – ein Planet, auf dem alles mit allem verbunden ist, bevölkert von menschlichen und nicht-menschlichen Formen des Lebens und Erscheinens. Der Dreikönigstag, am 6. Januar als Fest der Erscheinung des Herrn begangen, ist im gleichen Atemzug der Festtag dieser Erde – jener einzigartigen Heimat, die uns geschenkt worden ist, lange bevor wir sie zu erklären begannen. Die drei Könige, Sterndeuter und Gelehrte, kannten den Blick nach oben und den Respekt vor dem, was sich nicht berechnen lässt. Sie sollten als Schutzpatrone der More-than-Human Geographies gelten – also einer Wissenschaft, die sich nicht alles aneignet, sondern jene, die die Erde und ihre nicht-menschlichen Bewohner als Mitwesen begreift, nicht als Objekt. (…)

Nachdem er eine Speicherkarte gekauft hat, geht er die Hohe Straße weiter, dann nach rechts in die noch belebtere Schildergasse. Hier in der Mitte der Fußgängerzone, umzingelt von Apple Store, Sport Scheck, Galeria Kaufhof, Douglas, Sephora, McDonalds, Bershka, Only usw., im Zentrum eines von den grauen Pflastersteinen gebildeten Kreises, der, wenn man es unbedingt darauf anlegt, an ein Labyrinth verweisen könnte, steht ein Mann mit einem Schild. Ein kahlköpfiger, schlanker, drahtiger Mann in dunkelgrauer Sportkleidung und hellgrauen Wanderschuhen. Ein schweigsamer Rufer, auf dessen Schild ein einziges Wort aufgedruckt ist: weniger.

Graffiti-Fotos im Internet

Urban Art ist nicht losgelöst von der Umgebung zu betrachten, da sie beabsichtigt eine Verbindung zu ihr herzustellen (vgl. Hoppe 2009, 3 f.).

Das folgende ist aus einer unveröffentlichten Bachelor-Thesis der Geographie mit dem Titel „Urban Art als partizipatives Gestaltungskonzept des öffentlichen Raumes: eine Potenzialanalyse von Graffiti und Street Art“ (von Sophia S.)

Zwar ermögliche das Internet eine erweiterte Sichtbarkeit der Werke gegenüber der jeweiligen Zielgruppe, als Trägermedium schwäche es aber gleichzeitig die visuelle Erfahrung und die Verortung im Stadtraum ab. Die zufällige Entdeckung gehe dabei verloren, das Werk werde dekontextualisiert. Meist aufgrund fehlender Umgebungsinformationen wie vorherrschender Lichtverhältnisse, die Atmosphäre der Umgebung oder rechtliche Rahmenbedingungen wie eine legale oder illegale Anbringung, die ursprünglich ein elementarer Bestandteil der Urban Art gewesen sind, jedoch vor Bildschirmen unsichtbar werden (Hoppe 2009a, 102). Als letzten ambivalenten Punkt lässt sich der, durch die Digitalisierung überwundene, Aspekt der Vergänglichkeit von Urban Art anführen. Durch die digitale Konservierung und ständige Abrufbarkeit der Werke erlangen diese zwar einen zeitlosen Status, die bislang entgegengesetzte Dynamik des Verfalls oder der Überschreibung im physischen Raum wird aber entkoppelt. Fraglich ist: Bis zu welchem Punkt entspricht das digitale Abbild des real situierten Werks noch dem charakteristischen Wesen der Urban Art? Obwohl mehr Personen durch digitale Medien erreicht werden könnten, sei die Gefahr der Oberflächlichkeit inhärent (vgl. Waclawek 2012, 179).

Urban Art könnte demnach nicht losgelöst von der Umgebung betrachten werden sollen, da sie beabsichtigt eine Verbindung zu ihr herzustellen (vgl. Hoppe 2009, 3 f.).

Quellen:
Hoppe, I. (2009a): die junge Stadt. Überlegungen zum Verhältnis von Architektur und Urban Art.
In: Klitzke, K. & C. Schmidt (Hrsg.): Street Art. Legenden zur Straße, Berlin, S. 98-107.
Hoppe, I. (2009b): Street Art und ‚Die Kunst im öffentlichen Raum‘. In: kunsttexte Sektion
Gegenwart (1), S. 1-7.
Waclawek, A. (2012): Graffiti und Street Art. Berlin.

Diesen niedlichen „Pilzis“ sieht man die Schnelligkeit des Sprayens an. Sie sind im Mainviertel der Stadt Würzburg auf einer für Urban Art nicht legalen Fläche aufgesprüht, an der zur Saalgasse bzw. dem Main zugewandten Fassade des Jugendkulturhauses Cairo. Das nach den Plänen des Landbaumeisters Peter Speeth 1826 fertiggestellte Gebäude wurde ab 1842 als Militärverpflegungsstation genutzt, ab 1849 als Militärgefängnis zur Unterbringung von Militärsträflingen. Ab 1857 diente es als Frauengefängnis, daher die Bezeichnung „Ehemaliges Frauenzuchthaus“. Ab 1909 diente es als Besserungsanstalt für Knaben, bevor diese 1935 aufgelöst wurde. Ab 1936 diente es als Jugendherberge und war Treffpunkt der Hitlerjugend. Das Gebäude überstand den Zweiten Weltkrieg unbeschadet, so dass es ab 1945 als Notlazarett genutzt werden konnte. Ab 1950 diente es als vorläufiges Quartier der Regierung von Unterfranken und von 1965 bis 1973 wurde es als Haus für die Jugend genutzt. 1986 musste das „Haus der Jugend“ schließen und wurde bis 1987 komplett renoviert. Im gleichen Jahr wurde es als Kulturzentrum Cairo eröffnet. Die Fassade übernimmt Elemente sowohl der Renaissance als auch des Barock und weist darüber hinaus eine eindrucksvolle neoklassizistische Schauwand mit angeblich ägyptisch anmutenden Verzierungen auf, weshalb dieses Gebäude auch „Ägyptischer Bau“ genannt wurde.

Im Eingangsbereich (sowie im Inneren) des Cairo ist übrigens legale Street Art zu bewundern. Und wenn man von der Innenstadt kommt, muss man durch einen Tordurchgang der Burkarder-Kirche (eine der ältesten Kirchen Würzburgs), in dem sich weitere (nicht legale) Graffiti befinden. Stadtauswärts die Saalgasse entlang folgt nach dem Parkplatz der Jugendherberge bzw. dem Jugendkulturhaus Cairo ein weiterer, längerer gekrümmter Tordurchgang mit zahlreichen Graffiti an den Wänden, auch weitere „Pilzis“. Danach überquert die Saalgasse als kurze Brücke die kleine Grünanlage mit dem Burkarder See. Folgt man der Saalgasse weiter bis zur Leistenstraße, überquert diese zu einem kleinen Fitness-Center, geht an diesem vorbei ein Stück die Mergentheimer Straße entlang und überquert diese an einem weiteren Fußgängerüberweg, dann kommt man an eine kurze Unterführung mit farbenfrohen Graffitis, die aufwändiger, zeitintensiver gestaltet worden sind. Dies ist offenbar eine legale Fläche. In diesem Bereich der Stadt haben wir also einen der wenigen Urban Art-Hotspots Würzburgs.

Dieser hingehuschte „citystroller“ (der ein bisschen an den in den 1980er und 1990er Jahren in Köln verbreiteten ‚Neue Höhlenmalerei‘-Stil der ‚Cologne Graffiti‘ erinnert), befindet sich ganz in der Nähe in der Burkarder Kirche am Gebäude des Pfarramts Sankt Burkard in der Burkarderstraße kurz vor deren Einmündung in die Saalgasse.

Überhaupt ist diese Gegend ein Ausschnitt meines sogenannten Würzburger Lieblingsorte-Spaziergangs, derjenige, der sich in Würzburg als der eigentliche, einzige wirklich attraktive, immer wieder einigermaßen inspirierende Stadtspaziergang herausgebildet hat. Es ist der Spaziergang, den ich gehe, um Besuch die Stadt zu zeigen, oder den ich auch gelegentlich als Exkursion mit Studierenden durchführe. Auch meine Jogging-Routen bzw. Laufstrecken sind im wesentlichen aus Teilen des Lieblingsorte-Spaziergangs zusammengesetzt. Ein Vorteil dieses Spaziergangs ist es, dass die Route – so gut es geht – die Fußgängerüberwege meidet, an denen man quälend lange auf Grün warten muss, was in dieser Stadt, die immer noch als autofreundlich bzw. autogerecht bezeichnet werden kann, recht häufig ist.

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Eigentlich zweifelt er nicht an der Erquicklichkeit von ausgedehnten Spaziergängen, sie wirken entspannend und inspirierend – aber hier an diesem Ort, in dieser Stadt mag ihm das nicht so wirksam widerfahren.  Viele Schriftsteller haben selbst-bekennend superlative Lobpreißungen auf das Spazierengehen von sich gegeben, ohne auf die Umgebung oder auf Ihren Aufenthaltsort zu verweisen. Es scheint sich also um einen fundamentalen, völlig orts- und kontextunabhängigen Erfahrungsschatz zu handeln. Die überaus wohltuenden, geradezu heilsamen und produktiven Wirkungen von Spazierengehen dürften im Spiegel dieser Aussagen nicht angezweifelt werden. Zum Beispiel Sören Kierkegaard: „Verlieren Sie vor allem nicht die Lust dazu zu gehen: ich laufe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an, und entlaufe so jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und ich kenne keinen Gedanken, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen los würde. […] Gehen! Es ist ja auch klar am Tage, dass man durch Gehen dem Wohlbefinden so nahe kommt, wie es einem möglich ist, selbst wenn man es nicht ganz erreicht, – beim Stillsitzen aber, und je mehr man stillsitzt, kommt einem das Übelbefinden nur umso näher. Allein in Bewegung ist die Gesundheit und das Heil zu finden. Leugnet jemand, dass es die Bewegung gibt: so tue ich wie Diogenes, so gehe ich. Leugnet jemand, dass die Gesundheit in der Bewegung liegt, so gehe ich allen krankhaften Einwänden davon. Bleibt man so am Gehen, so geht es schon. (…) Ich war an die anderthalb Stunden spazieren gegangen, hatte viel zu denken gehabt und war vermöge der Bewegung mir selbst ein äußerst angenehmer Mensch geworden. Welch ein Glück, und Sie können sich wohl denken, welch eine Sorglichkeit, um womöglich mein Glück nach Hause zu retten.„[1] Oder Robert Walser: „‚Spazieren‘ (…) muss ich unbedingt, um mich zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftliche liebe, wäre vernichtet. (…) Ohne Spazieren würde ich ja gar keine Beobachtungen und gar keine Studien machen können. Auf einem schönen und weitschweifigen Spaziergang fallen mir tausend brauchbare, nützliche Gedanken ein. (…) Spazieren ist für mich nicht nur gesund und schön, sondern auch dienlich und nützlich.„[2] Er fühlt sich direkt angesprochen – „Ein so gescheiter Mann wie Sie darf und wird das augenblicklich begreifen„[2] – und schämt sich ein bisschen. Denn ihm kommt es vielmehr so als ob diese Innenstadt permanent stillsitzt unterhalb der Festung und eingezwängt vom Ringpark. Wie soll er in der natürlichen Bewegung des Gehens eine Resonanzempfindung entwickeln können in einer Umgebung, die ihm still- oder festsitzend vorkommt? (…) Ironischerweise kann er eine Resonanz zur Umgebung während der Lockdowns, bei denen Spazierengehen mit Angehörigen aus einem Haushalt oder mit dem Hund noch erlaubt ist. Wie es um Robert Walsers Befindlichkeit während der ganz strengen Lockdowns stehen würde? „Zu Hause eingeschlossen, würde ich elendiglich verkommen und verdorren.“[2] (…) Der öffentliche Raum in Würzburg kann durchaus belebt sein, vor allem an schönen Tagen im Ringpark und an den Mainufern bemerkt man urbane Vitalität oder Leben in der Stadt. Die Einkaufs-City ist selbstverständlich immer belebt, dort ist Bewegung – während der genehmigten Öffnungszeiten, zwischen den Filialen, die Standard sind für solche Lagen in einer Stadt dieser Größenklasse. Auch eine Galeria-Kaufhof Filiale ist Würzburg bis jetzt sogar erhalten geblieben. In Würzburg wird die Bewegung des Gehens jedoch außerhalb der Fußgängerzonen der Einkaufs-City sehr regelmäßig unterbrochen von penetranten Fußgängerampeln, an denen man quälend lange warten müsste, wenn man es nicht bevorzugen würde, einfach bei Rot über die Straße zu gehen, was hier, obwohl es sich geradezu aufdrängt, selten zu beobachten ist (im Vergleich zum Beispiel zu Frankfurt). Es lässt sich nun nicht vermeiden, Entschuldigung, aber es folgt eine Aufzählung der Fußgängerampeln mit berüchtigt langen Rotphasen: (…) diejenige über den Röntgenring von der Koellikerstraße zum Ringpark, die geradezu extrem passantenfeindliche von der Alten Mainbrücke über die Saalgasse, (…) und um zu einem (vorläufigen) Ende dieser unsagbar spießbürgerlichen, orthodox-autofeindlichen Aufzählung zu kommen: die Fußgängerampel über die Balthasar Neumann Promenade am Übergang Hofstraße zum  Residenzplatz. Ach ja, die Residenz: jedes Mal wenn er über den Residenzplatz radelt, fällt ihm ein, dass er der Deutschen UNESCO-Kommission gerne mal schreiben würde, den Welterbestatus der Residenz zu überdenken, weil der Residenzplatz als Parkplatz genutzt wird. Er wird diesen Brief aber niemals schreiben, denn letztlich ist es ihm egal was mit dem Residenzplatz geschieht. Solche Ideen kommen ihm beim relativ langen Warten an der Fußgängerampel. Letztlich ist er auch dem Autoverkehr in der Stadt nicht wirklich abgeneigt, denn nur im Kontrast zum Autofahren kann er sich als Radfahrer freier, spontaner und in der Fortbewegung souveräner fühlen. Dieses Freiheits- und Überlegenheitsgefühl nicht-gegängelter Mobilität bzw. Fortbewegung würde weggeregelt werden, wenn den Radfahrer*innen konsequent ein ähnliches Verkehrswegesystem und -konzept auferlegt werden würde, wie es dem Autoverkehr – zu Recht – zugemutet wird. Spazierengehen ist jedenfalls nicht seine Lieblingsbeschäftigung in Würzburg, aber an manchen Tagen helfen psychogeographische Tricks, wie z.B. ein assoziatives fotografierendes Flanieren, um aus dem einfachen Spaziergang einen inspirierenden oder sonstwie produktiven Gang zu machen. 

[1] Sören Kierkegaard: Ich habe mir die besten Gedanken angelaufen, S. 119. In: Die Kunst des Wanderns. Ein literarisches Lesebuch, hrsg. von: A. Knecht & G. Stolzenberger, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 119-120.
[2] Robert Walser: Scheinbarer Müßiggang, S. 121. In: Die Kunst des Wanderns. Ein literarisches Lesebuch, hrsg. von: A. Knecht & G. Stolzenberger, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 121-124.

– Auszug aus Roman-Manuskript „Kontextsensitiv“, Kapitel 1 – Einführung: Von Würzburg ausgehend ….

Es ist Zeit …

ES IST ZEIT … spazieren zu gehen, loszugehen, aufzubrechen …

Es ist Zeit

Eintritt frei! ::: „Guten Abend werter Herr und gnädige Frau. Sie wünschen Zugang in das Labyrinth? Es erwarten sie mirakulöse Be- und Gegebenheiten und sonderbare Festivitäten. Ich empfehle Ihnen Lifesaver-Karten käuflich zu erwerben; denn, – falls Ihnen bestimmte Konstellationen nicht zusagen sollten, garantieren sie Ihnen eine raschen Fluchtweg …“ ::: Verf*** Puffer, bornierte Pseudo-Alchimisten; jedes Mal wollen sie einem irgendein Tool, Gadget oder Plug-In andrehen, welches dort unten eigentlich nutzlos ist, wenn es denn überhaupt funktioniert. Man sollte eigentlich nur unbehütete Zugänge benutzen, die sind aber halt nicht so leicht zu finden …

Auszug aus Roman-Manuskript „Kontextsensitiv“, Kapitel 3 – … nach Frankfurt/Main vordringend
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